Interview aus der Versicherungswirtschaft – 01/2011

 

Also ist die Gründung der NAG auch als Kritik an Verdi zu verstehen? Baier: Ich will es mal so formulieren: Eine Großorganisation wie Verdi kann sicher nicht gleichermaßen die Interessen aller Beschäftigten erfüllen, wie es wünschenswert wäre.

Sehen Sie die NAG als Konkurrenz zu Verdi, die vielleicht sogar deren Mitglieder abwerben will? Baier: Wir sehen uns eindeutig nicht als Konkurrenz zu Verdi! Rund 90 Prozent der Beschäftigten in der Assekuranz sind nicht gewerkschaftlich organisiert. Wir wären froh, wenn wir davon viele überzeugen könnten, sich bei uns gewerkschaftlich zu organisieren.

Warum sollten die Nichtorganisierten sich jetzt ausgerechnet bei Ihnen organisieren? Baier: Wir glauben, dass die spezifische Interessenvertretung in Verdi nicht nur bei den Tarifabschlüssen zu kurz kommt. Nehmen Sie den Beschluss, der sich für eine Bürgerversicherung ausspricht...

... was auf ein Ende der privaten Krankenversicherung hinauslaufen könnte...
Baier: ... und damit den Interessen der Beschäftigten widerspricht und keineswegs die Probleme im Gesundheitswesen löst. Wir
denken, dass es viele Menschen gibt, die bei uns Mitglied werden wollen. Das zeigen auch die Anfragen, die wir seit der Gründung bekommen.

Wie viele Mitglieder hat die NAG mittlerweile? Baier: Nach unserer Gründung haben wir innerhalb von drei Tagen 50 Mitglieder gewonnen, und täglich kommen mehr. Bis Ende des Jahres werden wir in den viertstelligen Bereich vorstoßen.

Gab es schon erste Gespräche mit den Arbeitgebern? Baier: Ja, die gab es. Im Dezember haben wir mit dem Arbeitgeberverband der deutschen Versicherungsunternehmen ein erstes Informationsgespräch geführt.

Verdi hat seine Tarifforderungen schon bekannt gegeben. Mit welchen Forderungen werden Sie in die Verhandlungen gehen? Baier: Dazu haben wir noch keinen Beschluss. Unsere Tarifkommission wird sich bald zusammensetzen und festlegen, mit welchen Forderungen wir in die Verhandlungen gehen wollen.

Einige Personalchefs stellen angesichts des demografischen Wandels eine Verlängerung der Altersteilzeit infrage. Teilen Sie deren Meinung?
Baier: Nein! Solange die Personalabbaupläne in den Konzernen stattfinden, wie sie stattfinden, halte ich das Modell für unverzichtbar.

Ist ein einheitlicher Tarifvertrag angesichts zunehmenden Outsourcings noch zeitgemäß? Baier: Das ist eine Herausforderung. Aber die Beschäftigten haben oft mehr Einflussmöglichkeiten, als sie selbst wissen. Außerdem tragen Auslagerungen selten zu Qualitäts- und Serviceverbesserungen bei. Wir hoffen, dass die Firmen das auch erkennen. Service ist zwar in aller Munde, wird aber selten gelebt.

Was müsste besser werden? Baier: Die Arbeitsverdichtung im first und second level - man kann es auch verkürzen auf den Begriff Fabrikprozesse - hat den Druck auf die Beschäftigten in allen Bereichen gewaltig erhöht. Das kann dem Service dauerhaft nicht förderlich sein.

Die so genannte Industrialisierung müsste zurückgenommen werden? Baier: Eindeutig ja!

Das heißt also wieder zurück vom Allrounder zum Spartenspezialisten? Baier: Wir wollen Zeit für die Kunden, um qualitativ hochwertig beraten zu können. Doch in der Realität ist das kaum möglich.

Die Branche müsste also mehr Leute einstellen, damit die Arbeit auf mehrere Schultern verteilt werden kann? Baier: Im Kundenservice ist unserer Einschätzung nach die Personaldecke überwiegend zu dünn. Ziel muss doch sein, dass in der Beratung individueller auf Kundeninteressen eingegangen werden kann. Ob das bedeuten muss, dass mehr Leute eingestellt werden, sei dahingestellt.

Die Branche klagt über Nachwuchssorgen. Woran liegt das aus Ihrer Sicht? Baier: Weniger der Mangel ist das Problem, sondern dass die Branche sehr wenig Bindungsprogramme hat. Auszubildende werden kaum noch übernommen, und wenn, dann nur per Zeitverträge.

In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Beschäftigten fast jährlich gesunken. Setzt sich der Trend auch in diesem Jahr fort? Baier: Ich glaube nicht, dass die Beschäftigtenzahl weiter sinken wird, wenn der Umsatz einigermaßen stabil bleibt. Die Beschäftigungssituation ist heute schon in der ganzen Branche sehr prekär. Die psychischen Belastungen sind in manchen Bereichen enorm gestiegen. Der Gesundheitsschutz der Beschäftigten, der ja früher fast nur in der Industrie ein Thema war, wird auch in der Assekuranz immer wichtiger.

Wo wollen Sie am Ende des Jahres mit der NAG stehen? Baier: Unser Ziel ist, dass wir dann eine ernst zu nehmende Größe sind.

Das Gespräch führte Falk Sinß

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